Wildkatze in Schwabach

Wildkatze in der Brünst sorgt für ökologische Sensation

SCHWABACH  - Vertreter des Bund Naturschutz (BN) aus Schwabach und dem Landkreis Roth bezeichnen es als ökologische Sensation. Sie hat auch schon einen griffigen Namen: „Der fränkische Tiger.“. Im Schwabacher Waldgebiet Brünst ist eine Wildkatze nachgewiesen worden. Sie galt in den 1980er Jahren als ausgestorben in Bayern. Erst umfangreiche Zucht- und Auswilderungsprogramme haben sie vom Spessart her wieder angesiedelt.

Mehrere Spuren

Der Nachweis ist das erste positive Ergebnis einer seit Anfang dieses Jahres begonnen Suche nach dem seltenen und scheuen Waldbewohner. In einer großangelegten Gemeinschaftsaktion hat der BN zusammen mit Jägern, Waldbesitzern und Förstern im gesamten Landkreis Roth und dem Schwabacher Stadtwald unter Einsatz wissenschaftlicher Methoden Ausschau gehalten.

In den Landkreiswäldern ist man allerdings noch nicht fündig geworden. In weiteren angrenzenden Gebieten schon. In den Landkreisen Nürnberger Land, Neumarkt und Eichstätt ist man jüngst ebenfalls auf Spuren der Wildkatze gestoßen.

Großes Revier

Beim Ortstermin sind Michael Stöhr, BN-Chef im Landkreis Roth, und sein Geschäftsführer Richard Radle dennoch ebenso hocherfreut wie die Schwabacher BN-Vorsitzende Almut Churavy und Bürgermeister Roland Oeser von den Grünen. Ihrer Darstellung zufolge belegen Wildkatzen stets ein enorm großes Revier. Es sei also sehr wahrscheinlich, dass sie auch in den Wäldern um Rohr unterwegs gewesen sei. Die Schwabacher Fundstelle liegt wenige hundert Meter westlich der Stromtrasse.

Lockmittel Baldrian

Dort und an zwei weiteren Stellen in der Brünst hatte BN-Waldreferent Ralf Straußberger die unspektakuläre Suchvorrichtung aufgebaut, die man im wahrsten Sinne als „Lockstab“ bezeichnen könnte. Eine Holzlatte wurde jeweils im Boden verankert. Straußberger begoss sie regelmäßig mit Baldrian. Wildkatzen lieben den Duft der Heilpflanze und reiben sich gerne daran.

Dabei bleiben im besten Falle einige Haare hängen. Mit großer Sorgfalt wird das Holz regelmäßig inspiziert. Spurensuche wie an einem Tatort. Sichergestelltes Material wird vorsichtig in Plastiksäckchen verpackt und zum Senckenberg-Institut Frankfurt gesandt. Vor dort kam nun die Bestätigung: Eindeutig Fell einer Wildkatze.

Wilder, großer Wald

Bei genauerer Betrachtung ist es kein Zufall, dass die erste Wildkatze der Region in Schwabach nachgewiesen wurde. „Sie braucht ausgedehnte Naturwälder“, erklärte Ralf Straußberger ihre Ansprüche an den Lebensraum.
Die Brünst bietet dank Stadtförster Thomas Knotz in dieser Hinsicht „optimale Bedingungen“, wie Straußberger findet. Nicht nur dass der Stadtrat bereits vor zehn Jahren ein 3,5-Hektar großes Teilstück im Südosten als Naturwald ausgewiesen hat, der dort völlig sich selbst überlassen ist.

Ein Gebiet zur Erhohlung

Die gesamte Brünst wurde vor drei Jahren auch zum „Erholungswald“ gemacht. „Das ist sehr selten in Bayern“, sagt Knotz, der die Hauptverantwortung für die Bewirtschaftung des Stadtwaldes trägt.
Dabei greift er sehr zurückhaltend ein und sieht im Waldumbau hin zu einem stabilen Mischwald seine Hauptaufgabe. „Dafür ziehen in Schwabach alle an einem Strang“, sagt er und zählt als Unterstützer den Stadtrat, das Umweltamt, den Landschaftspflegeverband, seine eigenen Mitarbeiter und die Landwirte auf. „Es ist eine Gemeinschaftsleistung“, sagt Knotz bescheiden, der seit 21 Jahren Stadtförster in Schwabach ist.

Anknüpfen kann er in Sachen Waldumbau an Arbeiten eines seiner Vorgänger. Vor etwa 60 Jahren muss in Schwabach schon einmal ein Förster mit Weitblick gewirkt haben. Ihm ist es laut Knotz zu verdanken, dass es heute zahlreiche starke Buchengruppen in der Brünst gibt. 

Bericht und Fotos: Robert Schmitt/Schwabacher Tagblatt v. 15.11.2013


Sensation in Rohr: Wildkatze konnte nachgewiesen werden

Foto: Gerner/ST

SCHWABACH/ROHR - Vergangenes Jahr hatte der Bund Naturschutz mithilfe von genetischen Analysen erstmals beweisen können, dass im Schwabacher Waldgebiet Brünst eine Wildkatze umherstreift. Jetzt kamen neue Nachweise südwestlich von Leuzdorf und nahe Dechendorf (beides Gemeinde Rohr) hinzu.

Es ist der Baldrian. Was bei vielen Menschen zu leichtem Naserümpfen führt, ist für Katzen unwiderstehlich. Für Hauskatzen ebenso wie für Wildkatzen.

Das macht sich der Bund Naturschutz schon seit einigen Jahren zunutze. Überall dort, wo kleine Populationen der fast ausgestorbenen Wildkatze vermutet werden, versuchen die Experten mithilfe von Lockstöcken den Nachweis. Denn zu sehen bekommt man den extrem seltenen und extrem scheuen Jäger der Nacht kaum einmal.

Die Stöcke werden in den Waldboden gerammt und mit Baldrian besprüht. Die Katzen reiben sich an den hölzernen Stöcken und verlieren einige Haare. Die werden mittels Lupe und mithilfe einer Pinzette vom Stock entfernt, in eine kleine Plastiktüte gepackt und regelrecht kriminalistisch untersucht. Denn erst die Gen-Analyse gibt Gewissheit, ob das Katzenhaar von den meist aus Ägypten abstammenden Hauskatzen stammt, welche die Römer vor 2000 Jahren nach Europa gebracht haben. Oder ob es sich tatsächlich um einen ganz seltenen Vertreter eines Ur-Europäers handelt, der Wildkatze.

Auf den ersten Blick ist die Wildkatze kaum von ihrem Verwandten, der grau getigerten Hauskatze, zu unterscheiden. Sie ist etwas größer. Ihr Fell ist etwas bräunlicher, die Zeichnung eher verwaschen. Und: Ihr Gesicht ist weniger filigran, eher gedrungen.

Große Vorkommen der Wildkatze hat es vermutlich nie gegeben. Der Einzelgänger braucht ein sehr großes waldreiches Revier. Das seltene Tier war aber bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beliebtes Abschussobjekt im Wald. In den 1980er Jahren war die Wildkatze in Bayern ausgerottet.

Auswilderungsprogramm

Der Bund Naturschutz nahm sich der bedrohten Art an und startete, ähnlich wie beim Biber in den 1960er Jahren, die Wiedereinbürgerung. Bis 2009 wurden vor allem im Spessart über 600 von Hand aufgezogene Wildkatzen wieder ausgewildert. In den vergangenen Jahren wanderten Katzen auch aus Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo es noch kleine Populationen gab, wieder Richtung Süden.

Der Spessart, die Rhön und die Haßberge galten zunächst als die einzigen sicheren Wildkatzenvorkommen in Bayern. Doch 2013 gab es dann nördlich von Schwabach, in der Brünst, den ersten Nachweis. Der konnte 2014 an zwei weiteren Lockstöcken ganz in der Nähe bestätigt werden. Mehr noch. Auch in einem unwegsamen Waldgebiet zwischen Leuzdorf und Rohr sowie im Dechenwald südlich der A 6 wurden an Lockstöcken Haare von Wildkatzen gefunden.

Ob es sich um die „Schwabacher Katze“ handelt oder um ein anderes Tier, das steht noch nicht fest. Dr. Ralf Straußberger, Waldreferent des Bund Naturschutz und „Lockstockbetreuer“ beim BN, kann sich gut vorstellen, dass eine Wildkatze durchaus von der Brünst bis nach Leuzdorf wandert. Ob sie es allerdings auch über die Autobahn bis in den Dechenwald schafft, ist eher unwahrscheinlich. Man habe es also möglicherweise mit zwei Tieren zu tun, so Straußberger.

So schön die Nachweise für die Wildkatze in Schwabach und im nordwestlichen Landkreis sind, der BN musste auch einige Rückschläge hinnehmen. Im Heidenberg, im Abenberger Wald, nördlich von Wendelstein, zwischen Wendelstein und Schwanstetten, bei Allersberg, nördlich von Heideck, rund um Stauf (bei Thalmässing) und nahe Greding wurde mit Unterstützung der Jäger und der Forstmitarbeiter in großen, zusammenhängenden Waldgebieten nach der Wildkatze gefahndet – bislang vergeblich.

BN-Kreisvorsitzender Michael Stöhr geht davon aus, dass es die Katze im südlichen Landkreis auch noch nicht gibt. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Schon einen Steinwurf von der Landkreisgrenze entfernt – nahe Seligenporten, östlich von Greding und nahe Eichstätt – gibt es bereits sichere Nachweise.

Damit der nachtaktive und extrem scheue Jäger von Wald zu Wald wandern kann, will der Bund Naturschutz Land pachten und kaufen und Korridore errichten, deutschlandweit bis zu 25 000 Kilometer. „Wildkatzensprung“ heißt das Programm. „Das ist natürlich eine Generationenaufgabe“, sagt Michael Stöhr, der Vorsitzende des BN-Kreisverbandes Roth. Von den Korridoren würden nicht nur Wildkatzen profitieren, sondern auch Kleinsäuger, Käfer und andere Insekten. „Die Wildkatze ist gewissermaßen die Leitart für dieses Riesenprojekt“, erklärt BN-Geschäftsführer Richard Radle. Ähnlich wie es die blauflügelige Ödlandschrecke für die Sand-Achse war und ist.

Ob die Wildkatze, die in erster Linie Mäuse und (kranke) Vögel jagt und deshalb nicht in Konkurrenz zum Menschen steht, weiter in Richtung Süden wandert, wird man frühestens in einigen Jahren wissen. Der Bund Naturschutz setzt die aufwändigen Nachweise mittels der Lockstöcke aus. „Was wir wissen wollen, haben wir jetzt ja erfahren. Wir wollen unsere vielen freiwilligen Helfer nicht über Gebühr belasten“, erklärt Ralf Straußberger. Eine Neuauflage wird es deshalb wohl erst in einigen Jahren geben.

Größter Feind: Der Mensch

Übrigens: Größter Feind der streng geschützten Wildkatze ist nach wie vor der Mensch beziehungsweise sein liebstes Kind, das Auto. Autobahnen und Bundesstraßen sind die größten Hindernisse für die Katze auf ihrem Weg Richtung Süden. Der Kampf für die Wildkatze ist für Michael Stöhr deswegen auch ein Plädoyer gegen immer neue und immer größere Straßen. Und wo es die schon gebe – sprich Autobahnen –, da müsse der Mensch mehr tun, um Tiere zu schützen. „Grünbrücken“ und kleine Tunnel seien Beispiele dafür. 

ROBERT GERNER/Schwabacher Tagblatt